Gastbeitrag von PUNKT-Preisträger Klaus Bachmann

Im Herbst 2020 zeichnete acatech den Wissenschaftsjournalisten Klaus Bachmann mit dem PUNKT – Preis für Technikjournalismus und Technikfotografie aus. Bachmann sei es mit seinem Artikel „Rost – Alarmstufe Rot“ gelungen, Neugier bei nicht unmittelbar Beteiligten zu wecken und dabei gleichzeitig Wissen zu vermitteln, lobte damals Martin Stratmann, acatech Mitglied und Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Unter dem Eindruck der Pandemie hat sich der Preisträger in einem Gastbeitrag mit der Rolle des Wissenschaftsjournalismus für eine aufgeklärte Gesellschaft befasst. Er sagt: “Die Pandemie mit ihren Anforderungen ist dringende Mahnung, das Feld des Wissenschaftsjournalismus nicht verkümmern zu lassen, sondern es zu stärken.”

Wissenschaftsjournalismus in der Pandemie
Von Klaus Bachmann

Das vergangene Jahr konfrontierte uns nicht nur mit einer schwerwiegenden Pandemie, sondern auch, wie die Weltgesundheitsorganisation beklagte, mit einer „massiven Infodemie“. Weltweit drohten Menschen in einer Flut von Nachrichten, Meinungen, Spekulationen, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien unterzugehen. Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen waren, wie schon lange nicht mehr, gefragt, ihren Publika zu helfen, den Kopf über Wasser zu behalten: verlässliche Informationen von Fake News zu trennen, wichtige von unbedeutenden medizinischen Studien zu unterscheiden, neue Erkenntnisse einzuordnen, wissenschaftliche Positionen und politische Entscheidungen zu hinterfragen.

Was haben Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen in dieser herausfordernden Zeit für ihre Profession gelernt?

Zunächst einmal hat sich gezeigt, wie wichtig unabhängiger, hochwertiger Wissenschaftsjournalismus für demokratische Gesellschaften ist. Auch wenn die Presse in Zeiten sozialer Netzwerke ihr Monopol der Berichterstattung verloren hat, sind Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen unabdingbar, damit wichtige Nachrichten Bürger und Bürgerinnen verlässlich erreichen. Dass Leser und Leserinnen nach wie vor seriöse Quellen schätzen, lässt sich an gestiegenen Abrufen arrivierter Websites und an höheren Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften erkennen.

Wissenschaft schafft keine endgültigen Wahrheiten

Als herausragendes Kennzeichen der Corona-Pandemie erwies sich die Unsicherheit: Virologen und Virologinnen, Kliniker und Klinikerinnen, Epidemiologen und Epidemiologinnen sahen sich einer neuen Krankheit und deren unbekannten Erreger gegenüber. In wahnsinnigem Tempo sammelte die Wissenschaft über Fachgrenzen hinweg neue Erkenntnisse. Darauf aufbauende Einschätzungen und Empfehlungen veränderten sich laufend. Hieß es anfangs, SARS-CoV-2 werde über Oberflächen und Hautkontakt übertragen, stellte sich bald heraus, dass Aerosole die entscheidende Infektionsquelle sind. Lehnten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Gesundheitsbehörden im Westen zunächst das Tragen von Mund-Nasen-Masken als unnütz ab, hat dieser Schutz mittlerweile höchste Priorität.

Entwicklungen wie diese verunsicherten Menschen und minderten deren Vertrauen in die Wissenschaft. „Was und wem könne man denn nun glauben?“, fragten sich viele.

Auch dies ist eine Lehre für den Wissenschaftsjournalismus: Er muss die Unsicherheit von Erkenntnissen deutlicher vermitteln, die Vorläufigkeit von Wissen den Lesern und Leserinnen erläutern. Wissenschaft schafft keine endgültigen Wahrheiten, sondern ist ein permanenter Suchprozess. Vor diesem Hintergrund ist auch die Debatte über die Effizienz der verschiedenen Corona-Impfstoffe zu sehen. Mit dem massenhaften Einsatz der Vakzine gewinnen Epidemiologen und Epidemiologinnen ständig neue Einsichten in die Wirksamkeit und eventuelle Nebenwirkungen.

Hat sich aufgrund einer frühen Studie einmal in den Köpfen festgesetzt, ein Impfstoff sei einige Prozentpunkte effizienter als der andere, ist diese Festlegung nur noch schwer zu tilgen. Tauchen Hinweise auf Nebenwirkungen auf, die sich letztlich dann doch nicht bestätigen, ist Vertrauen verloren, das nur schwer zurückzugewinnen ist. Hier ist in der Berichterstattung unaufgeregte Präzision gefordert.

In der Veröffentlichungsflut den Überblick behalten

Der Erkenntnisfortschritt in Sachen Corona war im vergangenen Jahr manchmal sehr unübersichtlich. Auch Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen mit einer gewissen Expertise auf dem Feld drohten die Orientierung zu verlieren. So verzeichnet die Medizindatenbank Pubmed seit Ausbruch der Corona-Pandemie im Januar 2020 bis Mitte März 2021 64.000 Veröffentlichungen unter dem Schlagwort Sars-CoV-2. Das entspricht im Durchschnitt über 1.000 Publikationen pro Woche. Ein fast aussichtsloses Unterfangen, in dieser Veröffentlichungsflut den Überblick zu behalten.

Das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen wurde in der Corona-Krise durch einen Trend in der Veröffentlichungspraxis zusätzlich erschwert. Mehr und mehr stellen Forscher und Forscherinnen ihre Forschungsergebnisse auf Preprint-Servern zur Diskussion. Journalisten und Journalistinnen fehlt meist die Fachkenntnis, die Qualität der Publikationen, die keinen Peer Review durchlaufen haben, selbst zu beurteilen. Wann sollen sie einen Beitrag aufgreifen? Wann ihn besser ignorieren?

Als äußerst wertvoll haben sich Einrichtungen erwiesen, die bei der Bewältigung der enormen Informationsfülle helfen, die als unabhängige Makler zwischen Wissenschaft und Presse fungieren. In Deutschland hat dabei das Science Media Center (SMC) Maßstäbe gesetzt. Es hat Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen unschätzbare Dienste bei der Aufarbeitung der Krise geleistet. Dessen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen holten Stellungnahmen bei seriösen Experten und Expertinnen ein, bewerteten Publikationen und Statistiken, organisierten Fachgespräche. All das ermöglichte Reportern und Reporterinnen, in kurzer Zeit verlässliche Informationen zu gewinnen.

Die Existenz dieser und womöglich weiterer solcher Serviceeinrichtungen muss für die Zukunft unbedingt gewährleistet werden, ihre personelle und technische Ausstattung eher erweitert werden.

Strukturkrise im Medienbetrieb

Eigentlich könnte die publizistische Herausforderung durch die Corona-Krise das Selbstbewusstsein des Wissenschaftsjournalismus beflügeln. Zu erfahren, man wird gebraucht und die eigenen Dienste werden geschätzt, motiviert und treibt an. Wäre da nicht die Strukturkrise im Medienbetrieb. Die Zahl der festangestellten Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen in den Redaktionen schrumpft, die Recherchemöglichkeiten verschlechtern sich, die Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten für Freie werden schwieriger. Ausgerechnet im Frühsommer und Sommer 2020, als der Informationsbedarf der Menschen zu Corona riesig war, meldeten Verlage Kurzarbeit an.

Die Pandemie mit ihren Anforderungen ist daher dringende Mahnung, das Feld des Wissenschaftsjournalismus nicht verkümmern zu lassen, sondern es zu stärken. Die schlechten Berufsaussichten drohen derzeit den Nachwuchs zu verschrecken. Da in vielen Redaktionen Zeit und Geld für tiefe Recherchen fehlt, wären Recherchestipendien ein Weg, „Leuchtturmprojekte“ realisieren zu können, Themen tief zu ergründen und ausführlich darzustellen. Was fehlt, ist auch eine Art „Versuchslabor“, ein Ort, mit neuen journalistischen Formen experimentieren zu können. Die Finanzierung all dessen könnte eine seit Jahr immer wieder diskutierte unabhängige Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus leisten.

Seriöse Journalistenpreise stärken die persönliche Position und die des Ressorts

Seit gut 35 Jahren berichte ich selbst über Wissenschaft, seit 21 Jahren für die Zeitschrift GEO. Ich empfinde es nach wie vor als befriedigende Herausforderung, in neue Themen einzutauchen und sie journalistisch umzusetzen: Leser und Leserinnen auf Felder zu führen, von denen sie gar nicht ahnten, wie spannend sie sind, Hintergründe für sie auszuleuchten und Aha-Effekte auszulösen. Ein großes Vergnügen bleibt es auch, Forschende zu treffen und sie über ihre Arbeit begeistert erzählen zu hören.

Im vergangenen Jahr zeichnete die Jury meinen Beitrag „Rost – Alarmstufe Rot“ mit dem Journalistenpreis PUNKT aus. Lohnen Journalistenpreise überhaupt oder sind sie nur Nabelschau der Branche? Nun, es gibt solche und solche Preise. Hinter mancher Auslobung steckt eine Lobbygruppe, die auf diesem Weg versucht, ihr Thema in die Öffentlichkeit zu heben. Indem sie zum Beispiel Journalisten und Journalistinnen animiert, Texte gezielt auf den Preis hin zu schreiben.

Sich für seriöse Preise – mit unabhängiger Jury, mit klarer Angabe, wer das Geld stiftet – zu bewerben, ist dagegen sinnvoll. Solche Auszeichnungen zeigen, dass besonderer Aufwand bei Recherche, Stil und Formulierung eines Beitrags anerkannt und honoriert wird. Wer gewinnt, stärkt seine persönliche Position in der Redaktion, aber auch die seines Ressorts. Und in Zeiten, in denen Wissenschaftsjournalismus unter Spardruck steht, ist ein Preis ein wertvolles Argument. Lässt sich dann doch sagen: Seht her, Qualität lohnt sich.

Klaus Bachmann, Redakteur GEO (Preisträger des PUNKT – Journalistenpreis 2020, Kategorie Text/ Hintergrund)


Dieser Gastbeitrag gibt die Meinungen und Experteneinschätzung des Autors wieder und ist nicht Positionen von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.